Beratung

Eine Krankheit zu akzeptieren, braucht Zeit und Unterstützung

Eine chronische Krankheit belastet einen Menschen nicht nur körperlich, sondern auch psychisch. Besonders wichtig sind deshalb die sozialen Kontakte.

Text: Sarah Martino-Crosilla, Lungenliga Neuen­burg, Gesundheitspsychologin und Sozialarbeiterin | Julie Perret, Lungenliga Neuenburg, Soziokulturelle Animatorin

Die Diagnose einer chronischen Krankheit ist ein Wendepunkt im Leben eines Menschen, ein psychologischer und sozialer Schock. Sie betrifft einen Menschen körperlich und psychisch, in seinem Verhalten sowie dem Kontakt zu anderen. Dieser Moment wird von vielen Betroffenen als ein regelrechter Bruch beschrieben: Es gibt ein «Vorher» und ein «Nachher».

 

Angehörige sind essenziell

Die unvorhersehbare Entwicklung einer chronischen Krankheit ruft bei vielen Patientinnen und Patienten sowie ihren Angehörigen Stress hervor, der für Unsicherheit und Hoffnungslosigkeit sorgen kann. Eine Umstellung auf körperlicher, soziologischer und psychologischer Ebene, also des gesamten Lebens, wird notwendig. Für Betroffene ist es sehr wichtig, dass sie auf ihren Körper hören und die physischen Grenzen respektieren, die dieser vorgibt. Denn wer seine körperlichen Empfindungen beobachtet, kann seine Krankheit besser verstehen.

 

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Diese verursacht häufig auch einen persönlichen Wandel und verändert die Beziehung zu anderen. Damit erkrankte Personen nicht in einem Gefühl der Einsamkeit versinken und sich isolieren, ist die Unterstützung der Angehörigen in dieser Zeit essenziell. So können diese etwa Aktivitäten organisieren, die den Bedürfnissen der kranken Person entsprechen. Zeit für sich zu nehmen, aus der Isolation auszubrechen und die Unterstützung der Familie zu akzeptieren, verlangt von den Patienten eine Umgewöhnung. Die Angehörigen sollten dies anerkennen und den Betroffenen helfen, die Kontrolle über ihr Leben wiederzuerlangen, indem sie eine aktive Rolle beim Akzeptieren der Krankheit spielen. Ein Mittel, um gemeinsam einen angenehmen Moment zu erleben, ist etwa eine Massage. Denn Schmerzen und krankheitsbedingte Einschränkungen im Alltag können ein Gefühl von Wut oder Ungerechtigkeit auslösen.

 

Um die Krankheit zu akzeptieren und schliesslich einem Leben mit Krankheit wieder einen Sinn zu geben, müssen die Betroffenen zunächst ihre Trauer bewältigen. Dies ist ein langer, natürlicher Prozess, eine psychologische Entwicklung mit mehreren Phasen, wie es das Modell der Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross beschreibt1:

 

  • Nicht wahrhaben wollen: «Das ist nicht wahr, das muss ein Irrtum sein!»
  • Zorn: «Warum ich? Das ist ungerecht. »
  • Verhandeln: «Okay, ich habe keine Wahl, aber ich möchte noch einige Jahre leben.»
  • Depression: «Ich werde nie mehr so sein wie früher, ich bin so traurig!»
  • Zustimmung: Die Krankheit wird akzeptiert (oder «ertragen»)

 

Begleitet eine nahestehende Person einen Betroffenen unmit­tel­bar nach der Diagnose, kann dies helfen, diese Phasen schneller zu durchlaufen. Die Krankheit zu akzeptieren, bedeutet, den Schmerz loszulassen.

 

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Das Beispiel von Frau V.

Als nach einer Krebserkrankung bei Frau V. auch eine COPD Stadium II diagnostiziert wurde, begann sie, an depressiven Verstimmungen zu leiden. Der Tod ihrer Tochter im Jahr 2015 verschlimmerte diesen Zustand. Seitdem hat sie Mühe, ihren Alltag zu meistern und ihre Wohnung zu verlassen. In seinem Bericht vom April 2016 stellte ihr Pneumologe eine geringe Therapietreue fest und betonte, wie wichtig es sei, dass sie einen Weg aus den Depressionen finde und ihr Leben in die Hand nehme. Dieser Bericht war an den psychosozialen Dienst der Lungenliga Neuenburg gerichtet.

 

Dank den Besuchen von Fachpersonen konnte Frau V. ihre Selbstständigkeit wiedererlangen; eine der wichtigsten Quellen für die Selbstachtung. Heute tauscht sie sich mit Freude regelmässig mit anderen Betroffenen aus. Dies gibt ihr ein Gefühl der Zugehörigkeit, das ihr hilft, die Auseinandersetzung mit ihrer Krankheit in Angriff zu nehmen. Das Team des psychosozialen Dienstes bleibt mit ihr in Kontakt, damit sie sich verstärkt auf ihre Zukunft konzentrieren kann.

 

«Es ist immer schwierig, hinauszu­gehen. Aber ich weiss, dass es mir viel besser geht, wenn ich mich dazu motivieren kann», sagt sie. Mit der Kombination von psychologischer und sozialer Betreuung ist es dem Team des psychosozialen Dienstes gelungen, bei Frau V. eine Veränderung anzustossen und sie aus dem Teufelskreis der Isolation und der Depression zu holen.

  1. Kübler-Ross, Elisabeth: On Death and Dying, (Simon & Schuster/Touchstone) 1969.




Die Dienstleistungen der Lungenliga

Lungenkrankheiten belasten Betroffene und ihr persönliches und berufliches Umfeld:

  • Was tun,
  • wenn Ängste die Lebensfreude überschatten?
  • wenn der Beruf nicht mehr wie bis anhin ausgeübt werden kann?
  • wenn finanzielle Engpässe entstehen?

Die kantonalen Lungen­ligen bieten sowohl in psycho­lo­gisch­en als auch in sozialen Be­lan­gen um­fassende Beratung.

Mehr Infos unter:

www.lungenliga.ch/

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